Alex Dreger: Die letzte Periode des Russisch-Türkischen Krieges 1768–1774 im Spiegel der deutschsprachigen St. Petersburgischen Zeitung

Dipl.-Hist. Alex Dreger

 

Die letzte Periode des Russisch-Türkischen Krieges 1768–1774
im Spiegel der deutschsprachigen St. Petersburgischen Zeitung

Der Krieg zwischen dem Russischen und dem Osmanischen Reich war die erste große militärische Auseinandersetzung Russlands unter der Herrschaft der Imperatorin Katharina II. Für uns in der heutigen Zeit ist dieser Krieg allein schon deshalb interessant und wichtig, weil das Russische Imperium infolge dieses Krieges die riesigen, aber dünn besiedelten Gebiete an der Nordküste des Schwarzen Meeres und, etwas später, die Halbinsel Krim eroberte. Das neue Land wurde Neurussland getauft. Dieser Name taucht im 21. Jahrhundert wieder aus der Vergessenheit auf.

Ursprünglich hatte sich dieser Krieg aus den Wirren im polnischen Staat entwickelt, wo sich die Adelsopposition gegen den mit russischer Unterstützung gewählten König Stanislaw August Poniatowski erhob. Die Rebellen bildeten die Konföderation von Bar, die sich erfolgreich gegen die königlichen polnischen Truppen behaupten konnte. Somit war der König auf die russische Hilfe angewiesen, mit der die Aufständischen schließlich auch besiegt wurden.

Der Konflikt in Polen konnte nicht ohne Einmischung anderer europäischer Mächte verlaufen. Während Großbritannien und Preußen sich zu dieser Zeit mit Russland durch Verträge verbündeten und weitgehend neutral blieben, nahmen Frankreich und Österreich eine klar antirussische Haltung ein. Der französische General Charles-François du Périer du Mouriez übernahm die militärische Führung der Miliz der Bar-Konföderation und warb Söldner im Ausland an; gegenüber den regulären russischen Truppen hatte er jedoch keinen Erfolg – und floh. Die französische Diplomatie setzte in Konstantinopel alle Hebel in Bewegung, um den Sultan zum Kriegseintritt zu bewegen, und erreichte schließlich, dass das Reich der Osmanen einen Grenzzwischenfall als Vorwand für den Krieg nutzte und am 6. Oktober (25. September nach dem julianischen Kalender) 1768 Russland den Krieg erklärte. Der Krieg verlief sehr günstig für die russische Seite. In mehreren Schlachten wurden osmanische Streitkräfte geschlagen. Die Hoffnungen der Polen auf österreichische Unterstützung wurden 1772 durch die erste Teilung Polens zunichte gemacht. Im selben Jahr begannen direkte Friedensgespräche zwischen den Konfliktparteien, die jedoch Anfang 1773 ergebnislos abgebrochen wurden. So begann die letzte Phase des Krieges.

Die Deutschen im Russischen Imperium stellten zu diesem Zeitpunkt eine bedeutende Kraft dar. Sowohl die Vertreter der alteingesessenen deutschen Familien als auch die erst im 18. Jahrhundert nach Russland gekommenen Deutschen waren in allen russischen Staatsinstitutionen vertreten. Besonders viele Deutsche kamen im Zuge der Reformen Peters des Großen (1672–1725) und seiner Nachfolger nach Russland. Dank der eingeladenen Wissenschaftler wurde die Kaiserliche Akademie der Wissenschaft und Kunst in wenigen Jahren zu einem der bedeutendsten wissenschaftlichen Zentren der Welt. Die meisten Professoren stammten aus verschiedenen deutschen Ländern. So wählte die Akademie sogar die deutsche Sprache für das akademische Blatt, das sie ab 1727 als „St. Petersburgische Zeitung“ drucken ließ. Diese Zeitung spielte eine wichtige Rolle im kulturellen und geschäftlichen Leben der großen deutschen Gemeinde im Russischen Kaiserreich.

Der Krieg mit den Osmanen ging selbstverständlich auch an den in Russland lebenden Deutschen nicht vorbei. Die deutschen Adligen waren schon traditionell stark im russischen Offizierskorps präsent. Auch die aktiven Armeen und die Flotte bildeten keine Ausnahmen. In diesem Zusammenhang ist die Haltung der zweitältesten Zeitung Russlands – und der ältesten deutschen Zeitung in Russland – zum Geschehen an den Fronten besonders interessant. Da die St. Petersburgische Zeitung ein amtliches Blatt war, ist es verständlich, dass man Kritik an der Kriegsführung dort vergeblich sucht. Trotzdem ist die Berichterstattung von den Ereignissen an der Front eine wertvolle Quelle für jeden Forscher.

Im März 1773 lief der Waffenstillstand aus. Mit dem Wiedereröffnen der Kriegshandlungen begann die Zeitung, Nachrichten über die Kriegsereignisse in einem gesonderten Anhang zu veröffentlichen. Für damalige Verhältnisse wurden die Meldungen recht schnell gedruckt: Drei bis vier Wochen dauerte es, bis die Nachrichten von den Donauufern in der Zeitung in der Stadt an der Newa erschienen. So war es auch mit der ersten Meldung über die 1. russische Armee unter Generalfeldmarschall Rumjanzew. Die Nachrichten vom 13. (24.) Mai 1773 sind in dem Anhang vom 11. (22.) Juni 1773 zu lesen. Sie informierten über den missglückten Versuch der Osmanen, die Donau zu überqueren, die russische Donauübersetzung und den russischen Sieg bei Turtukaj[1].

Die nächste Meldung vom 30. Mai (10. Juni) 1773 erschien am 25. Juni (6. Juli) 1773 in der Zeitungsausgabe Nr. 51. Die russischen und türkischen Truppen lieferten sich eine Reihe von kleineren Schlachten, die mit dem Rückzug der Osmanen endeten.

Danach fanden an der Front wichtige Ereignisse statt, die durch den Versuch der russischen Armeeführung gekennzeichnet waren, die türkische Festung Silistria zu erobern. Damit hätten sie sich freie Bahn in Richtung der osmanischen Hauptstadt eröffnen können. Die Zeitung verkündete diese Neuigkeiten über die Ereignisse an der Donau am 2. (13.) Juli 1773. Ungewöhnlich für die damaligen Verhältnisse ist die extrem kurze Zeit zwischen der Absendung am 14. (25.) Juni und der Veröffentlichung der Nachricht in der Presse. Die russischen Hauptkräfte unter Rumjanzew passierten die Donau bei Gorubaly. Dabei wurden sämtliche osmanische Angriffsversuche erfolgreich abgewehrt. Die russische 1. Armee stand damit an den Außenwerken Silistrias.

In der Zeitung vom 19. (30.) Juli 1773 wurde der Bericht über die Hauptereignisse der Kampagne 1773 auf zehn Doppelseiten abgedruckt. Da frische Kräfte als Verstärkung zu den Osmanen kamen, musste der Sturm von Silistria abgebrochen werden, obwohl die russischen Truppen schon die Vorwerke der Festung eingenommen hatten. Die 1. russische Armee zog sich nach Gurobaly zurück und die Osmanen hielten sich bei Kaynardshi. Am Morgen des 22. Juni (3. Juli) griff das russische Korps unter Generalmajor Baron Weißmann von Weißenstein (1726–1773) den Gegner an und schlug ihn in die Flucht. Der glänzende Sieg wurde durch den Tod von Baron Weißmann von Weißenstein getrübt, der als einer der besten Kriegsführer der Kaiserlich Russischen Armee galt.

Nach der Niederlage bei Kaynardshi bekamen die Osmanen weitere Verstärkung. Generalfeldmarschall Rumjanzew hielt die eigenen Kräfte für unzureichend und zog sich über die Donau zurück.

Die Kampfhandlungen an der Donau kamen fast zum Erliegen, wie sich auch der St. Petersburgischen Zeitung entnehmen lässt – erst am 4. (15.) Oktober 1773 wurden neue Nachrichten veröffentlicht. Die Meldung selbst bezog sich auf den 7. (18.) September. Sie schilderte die Schlacht bei Girsow. Die russischen Truppen Generalmajor Suworows (nach dem heutigen Wissensstand etwa 3000 Mann stark), die allein auf dem rechten Donauufer zum Schutz der kleiner Festung Girsow gelassen worden waren, wehrten den Angriff von circa 10.000 Osmanen ab und verfolgten den Gegner 30 Kilometer weit.

Weitere Aktivitäten der gegnerischen Armeen blieben vergleichsweise gering, was zum Teil auf die sich immer weiter verschlechternden Wetterbedingungen, zum Teil auf die Besonnenheit von Generalfeldmarschall Rumjanzew zurückzuführen war, der nur demonstrative Angriffe in sehr begrenztem Umfang gegenüber dem Feind unternahm. Über zwei solche Angriffe, bei denen die russischen Korps die Donau überquerten und die mit siegreichen Schlachten endeten, berichtete die St. Petersburgische Zeitung in ihren Ausgaben vom 15. (26.) Oktober und vom 19. (30.) November 1773.

Die Nachricht vom 28. November (9. Dezember) 1773, die am 31. Dezember 1773 (11. Januar 1774) im Anhang der letzten Nummer der Zeitung des Jahres 1773 publik gemacht wurde, berichtet über den Feldzug gegen die Festung Warna, der misslungen war. Danach kehrte die russische 1. Armee in ihr Winterquartier hinter der Donau zurück.

Es ist bekannt, dass die Passivität des Oberbefehlshabers der russischen 1. Armee den Unmut der Imperatorin Katharina II. weckte. Während der gesamten Kampagne forderte sie von Rumjanzew aggressivere Kriegsführung, die jedoch mit einem gewissen Risiko verbunden war und im schlimmsten Fall mit der russischen Niederlage hätte enden können. Der General-Feldmarschall beugte sich dem Willen der Monarchin nicht und führte den Krieg weiter mit Besonnenheit. Der St. Petersburgischen Zeitung ist darüber nichts zu entnehmen; aber das Jahr 1774 zeigte, dass Rumjanzew doch Recht hatte.

Zwar kamen im Jahr 1773 die Kriegsberichte ausschließlich von der 1. Armee, doch die erste Meldung von der Front stammte im neuen Jahr von der russischen 2. Armee unter der Führung vom Fürst Dolgorukow. Seine Armee befand sich auf der Halbinsel Krim und an der Kuban, wo die ins Kaukasus-Gebirge geflohenen Krimtataren und ihre Verbündeten aus mehreren muslimischen Stämmen einen Angriff starteten, aber eine Reihe von herben Niederlagen erlebten und sich schließlich völlig demoralisiert zurückzogen. Eine entsprechende Nachricht wurde in der Ausgabe der St. Petersburgischen Zeitung vom 16. (27.) Mai 1774 abgedruckt.

Am 17. (28.) Juni 1774 erschien auch die erste kurze Meldung über die 1. Armee: Sie berichtete über die erfolgreiche Donauüberquerung durch einige Regimenter unter dem Kommando vom Generalleutnant Kamenskij (1738–1809) zum Zweck der Aufklärung, wobei es zu einem Zusammenstoß mit den osmanischen Truppen kam.

In der nächsten Zeitungsausgabe vom 20. Juni (1. Juli) 1774 ging es wieder um die Erfolge der russischen 2. Armee, die die Tscherkessen in die Flucht geschlagen hatte.

Die Nachrichten, die am 1. (12.) Juli 1774 erschienen, berichteten über die Erfolge der Kaiserlich Russischen Armee in Bulgarien. Am 2. (13.) Juni besetzten die Truppen des Generalleutnants Kamenskij Bassardshik und am 9. (20.) Juni wurden die Osmanen bei Kosladshi besiegt.

Die Zeitungsausgabe vom 18. (29.) Juli 1774 beschäftigt sich mit den kleineren Schlachten um die Festung Silistria in der Zeit bis zum 30. Juni (11. Juli), die die kaiserlichen Truppen erfolgreich beendeten. Das ist die letzte Meldung des Russisch-Türkischen Krieges 1768–1774. Zum Zeitpunkt des Erscheinens der Zeitung war nämlich eigentlich schon Frieden geschlossen worden – nur war dies in St. Petersburg noch nicht bekannt.

Die Darstellung der Kriegsereignisse in der St. Petersburgischen Zeitung bietet dem modernen Forscher die Möglichkeit, sich in die Atmosphäre der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu versetzen und das Geschehen gleichsam mit den Augen des zeitgenössischen Lesers zu beobachten. Dieser Blick wäre zweifellos einseitig, weil für eine objektive Betrachtung die Informationen der Gegenseite vollkommen fehlen. Aber der heutige Leser hat einen gewissen Vorteil dadurch, dass er spätere Forschungen zum Vergleich heranziehen kann. Somit ist es für moderne Historiker durchaus möglich, die St. Petersburgische Zeitung auf ihre Objektivität hin zu überprüfen. Anscheinend widerspricht die Berichterstattung in der Zeitung späteren Forschungserkenntnissen nicht. Somit kann man die St. Petersburgische Zeitung mit ruhigem Gewissen als eine wertvolle historische Quelle über den Russisch-Türkischen Krieg 1768–1774 empfehlen.

Anmerkung: [1].

Anhang zu den St. Petersburgischen Zeitungen // in: St. Petersburgische Zeitung Nr. 47 vom 11. Juni 1773.